Diese Saison ist und bleibt eine unheimliche. Das war die letzte Spielzeit auch, allerdings war die im negativen Sinne bemerkenswert. Mit dem 3:0 gegen Schalke ist der Borussia ein weiteres Mal eine Fußballdemonstration gelungen, die unter Gladbachern kollektives Kneif-mich-mal ausgelöst hat. Eine halbe Stunde spiel- und lauffreudiger, kreativer Kurzpassfußball reichten aus, um einen nie gefährdeten Sieg herauszuballern, ein Tor schöner als das andere. Oder, wie sky-Kommentator Stefan Effenberg es formulierte: “Das geht alles viel zu schnell für Schalke.”
Sogar der englische Guardian bejubelte das 2:0 von Mike Hanke: “Wenn die Deutschen nicht so verliebt wären in ballistischen Heldenmut, wenn sie nicht immer den Torschuss über den Spielzug stellen würden, wäre dieser Treffer ein großer Favorit auf das Tor der Saison.” Und auch niederländische Meiden waren hingerissen: “Spielen wie Barça möchten sie bei Ajax Amsterdam, aber Borussia Mönchengladbach ist näher an Cruijffs Idealen.”
Wohl dem Saisonzeitpunkt (2/3 sind fast absolviert) ist es geschuldet, dass die Medien jetzt mit den erwarteten Fragen um die Ecke kommen.
Meisterschaft? Pokalsieg? Champions League? Die Fans hielten schon Plakate hoch mit dem Traum vom Double!
“Wir denken weiter von Spiel zu Spiel”, war auch nach dem Schalke-Triumph aus allen Gladbacher Spielermündern zu hören. Und obwohl die deutsche Journaille sich langsam über diese Marschroute lustig macht, ist sie mehr als nur Floskel: Sie ist mannschaftsintern gelebte Philosophie. Dante erklärte dem Düsseldorfer Boulevard auch, warum: “Bei Standard Lüttich waren wir 31 Spieltage ungeschlagen. Haben aber nie daran gedacht, Meister zu werden, sondern nur von Spiel zu Spiel. Standards erster Titel nach 25 Jahren war überragend.”
Und auch die nahende Europameisterschaft rückt einige Borussen in den Fokus der Berichterstatter. Marc-André ter Stegen wird schon seit einiger Zeit in den Dunstkreis der Nationalelf geschrieben, zuletzt wertete das Sportstudio am Sonntag fünf torhüterrelevante Statistiken aus und kürte ter Stegen in allen Disziplinen zum Sieger. Bundes-Torwarttrainer Andreas Köpke machte dem Gladbacher in der Sendung jedoch sofort einen Strich durch die Rechnung: “Wenn es nach diesen Statistiken geht oder Meinungsumfragen, haben wir fast bei jedem Länderspiel zwei andere Torhüter dabei.”
Denn Manuel Neurer “hat sich als Nummer 1 etabliert durch die wirklich gute Weltmeisterschaft, die er gespielt hat.” Trotz allem, so Köpke, habe sich das Trainerteam der Nationalelf “im Moment auf unsere Torhüter festgelegt. Wir vertrauen diesen Jungs auch.” Heißt im Klartext: Neuer, Wiese, Zieler – und ter Stegen wird zu Hause sitzen.
Da macht es wohl auch kaum Sinn, wenn die Berichterstatter versuchen, Mike Hanke in den Nationalmannschaftshimmel zu schreiben. Denn wenn ein Nationaltrainer selbst einem Offensivspieler wie Marco Reus nur eine Viertelstunde Spielzeit in drei Freundschaftsspielen einräumt, dann wird wohl kaum davon auszugehen sein, dass ein Mike Hanke den Flieger nach Polen besteigt.
Ein Blick in die Glaskugel zeigt, dass die Medien in Kürze auch auf den Zug Tony Jantschke aufspringen könnten. Der 21jährige ist deutscher Rechtsverteidiger – eine Position, die seit Jahren immer wieder ein wenig vakant ist. Lahm auf links, Jantschke auf rechts? Das klingt gewagt. Aber mindestens genauso gewagt wie das Nominieren eines Cacau, eines seit Monaten im Formtief herumkrebsenden Stürmers ohne echte Torgefahr.
Auch personell waren die letzten Tage einen Freudentanz wert. Juan Arango, Venezuelas bester Fußballer aller Zeiten, verlängerte seinen Vertrag bis 2014. Ein paar Stunden später zeigte er mit seinem Freistoß zum 3:0 deutlich: Das gefällt mir! Und Borussias Anhängern erst recht. War die ganze Ausverkaufspanik im Januar doch nur theatralisches Geschreibsel ohne Substanz – recht so.
Kein Thema, obwohl es immer mal wieder hochbrodelt, war dagegen die Verpflichtung von Raffael. Borussia hatte sich angeblich bei Michael Preetz nach den Ablöseforderungen erkundigt, und angesichts der aufgerufenen 10 Millionen Euro wieder abgewunken. Case closed, wie der Engländer sagt – und die Akte könnte auch nur im Falle eines Abstiegs der Hauptstädter wieder rausgekramt werden. Gar nicht angelegt erst wurde eine Akte Helmes, angesichts der Ablöseforderung von 6 Millionen Euro. Und nur nach Namen wird in Mönchengladbach zum Glück sowieso nicht mehr eingekauft.
In dieser Verfassung kann man auch dem Pokalhalbfinale gegen den FC Bayern gelassen entgegensehen. Was heißt gelassen – zumindest gelassener als in den letzten Jahren. Denn zweimal konnte Borussia den Oberbayern schon zeigen in diesem Jahr, wo der Frosch die Locken hat. Und ob die Münchner ihre Robbenprobleme bis zum 21. März ausgeräumt haben oder nicht, dürfte für Borussia keine große Rolle mehr spielen. Denn Ballbesitz, den kann der VfL auch haben: Zum Beispiel über 70 Prozent beim Spiel gegen Schalke. Vielleicht fühlt sich der ein oder andere Fan vor lauter Übermut schon in der Favoritenrolle – aber was soll’s? Als Fan darf man dass. Und dass die Mannschaft nicht überschnappt, dessen darf man sich in jedem Fall sicher sein.