Samstag abend geht es los, im Stadion am Borussiapark. Im Spitzenspiel des 21. Spieltages reist der FC Schalke 04 zu den neuen bösen Buben der Liga – zu Borussia Mönchengladbach. Dass die Sympathiewerte des VfL bundesweit abgesackt sind, liegt an Igor de Camargo und seiner Szene von Mittwoch. Abgebrühtheit? Unverschämtheit? Cleverness? Unsportlichkeit? Selbst Mats Hummels vom BVB fühlte sich bemüßigt, die Debatte zu befeuern. Aber wie das halt so ist: Die Erde dreht sich weiter, Borussia steht im Halbfinale des DFB-Pokals und selbst Michael Preetz von Hertha BSC möchte aus dem Spiel gegen Borussia “vor allem die positiven Dinge mitnehmen”. Zum Beispiel, “dass wir noch immer kotzsauer sind”.
Die Fohlen-Kicker selbst sahen die Szene eher gelassen. “Die Berliner haben sich selbst ein bisschen ins Bein geschossen”, meinte Filip Daems achselzuckend. Und Marc-Andre ter Stegen hatte sogar noch ein Augenzwinkern übrig: “Ein bisschen doof gelaufen für Berlin.” Auch Igor de Camargo selbst hatte nicht viel zu ergänzen: “Guten Tag zusammen und bis morgen”.
Der einzige etwas ausführlichere Kommentar kam gestern von Abwehrchef Dante, der an die Lehmann-Situation vor einem Jahr erinnerte: “Wir führten, Igor und ein Pauli-Spieler gerieten aneinander, dann ließ sich der andere plötzlich fallen – und Igor sah die Rote Karte und wurde als der Dumme dargestellt. Nicht der Pauli-Spieler. Wir haben damals noch verloren, einen Tag später wurde der Trainer entlassen. Nun diese Szene, in der Hubnik auf Igor zukommt. Der Schiedsrichter hat entschieden.”
Das schönste Schlusswort zu diesem Thema fand allerdings ein User bei Facebook: “Fußballromantik der 70er gibts halt nicht mehr. Wir haben gelernt, 2 Millionen mehr auf’m Konto und stehen im Halbfinale. Ich freue mich. Der Rest kann mich mal.”
Nun also morgen abend schon gegen Schalke, ein extrem wichtiges Spiel im Kampf um die Champions League-Plätze. Mit einem Sieg kann die Borussia den Gelsenkirchenern auf zwei Punkte davonziehen, allerdings – und das dürfte unstrittig sein – ist dafür eine deutliche Leistungssteigerung im Vergleich zu den beiden letzten Pflichtspielauftritten nötig. Sowohl das 0:0 in Wolfsburg als auch das Spiel in Berlin (was nach 90 Minuten ja genauso 0:0 endete) zeigten auf, dass sich die Mannschaft aktuell sehr schwer im Spiel nach vorne tut.
Gründe könnte es viele geben. Einer wäre den aktuellen Wetterverhältnissen geschuldet. In Berlin war der Rasen Berichten zufolge äußerst glitschig, der Boden darunter gefroren. Das konnte man schon in der ersten Hälfte sehen, als beispielsweise Patrick Herrmann und Juan Arango unvermittelt das Standbein wegrutschte. Ein solches Geläuf ist dem favreschen One-Touch-Konterspiel nicht zuträglich, eher im Gegenteil. Oft wirkten die Borussen gerade in Berlin so, als wüssten sie nicht, wie sie nach vorne kommen sollten.
Dies könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass sich die Gegner langsam auf den VfL einstellen. Gerade die Mannschaften, die selbst nicht über die größte spielerische Klasse verfügen (Augsburg, Freiburg, Berlin) stellen mittlerweile einfach Reus und Arango zu und würgen das Kombinationsspiel der Borussia somit ab. Dass die Mannschaft nach wie vor über ein gefährliches Konterspiel verfügt, zeigte das 2:0 am Mittwoch. Arango eilte davon, Linksverteidiger (!) Oscar Wendt sprintete als Backup hinterher und versenkte Arangos Ablage humorlos.
Ein dritter Ansatz ließ sich in Wolfsburg beobachten, als Felix Magath (wenn auch mit Hilfe eines übervorsichtigen Linienrichters) eine effektive und auf die Sekunden funktionierende Abseitsfalle aufbot. Zwar stehen die Gladbacher insgesamt weniger im Abseits als in der letzten Saison (was Spöttern zufolge zu drei Vierteln aber auch allein auf Mo Idrissous Kappe ging), man hatte aber in der zweiten Halbzeit in Wolfsburg schon das merkwürdige Gefühl, dass die Borussia sich nicht mehr nach vorne traut. Es sah ein wenig so aus, als wenn man um jeden Preis weitere Abseitspfiffe vermeiden wollte. Eine übertrieben Vorsicht, die auch in Berlin zu beobachten war.
Abgesehen von diesem drei Erklärungsansätzen gibt es aktuell noch einen vierten, der allerdings offensichtlicher ist. Seit Einbruch der Kältewelle lässt das Umschaltspiel der Borussia meistens zu wünschen übrig. Wo es bis vor zwei Wochen noch schnell und zielstrebig über zwei, drei Stationen über den ganzen Platz gekontert wurde, lahmt diese Schnittstelle zwischen Angriff und Abwehr seit kurzem.
Das hängt auch sicherlich damit zusammen, dass gerade im defensiven Mittelfeld die Passsicherheit ein wenig abhanden gekommen ist. Roman Neustädter ist zwar nach wie vor ein laufstarker Kilometerfresser, aber die Abstimmung mit Havard Nordtveit ist irgendwie fast komplett abhanden gekommen (siehe Einzelkritik auf Torfabrik). Die beiden Sechser spielen fast nur noch risikofreie Querpässe, unerklärliche Pässe zum Gegner und wirken überhastet. Zwar rennen und kämpfen Nordtveit und Neustädter gleichermaßen, um Lücken zu schließen, nur sind dies Lücken, die sie manchmal vorher selber gerissen haben. Woher diese plötzliche Leistungsdelle kommt, ist rätselhaft – hoffentlich wirklich nur das Wetter.
Für Roman Neustädters Beliebtheitswerte kann man allerdings nur hoffen, dass er gegen seinen baldigen Arbeitgeber seine Form aus der Vorrunde wiederfindet. Sonst werden am Samstag ganz schnell Stimmen laut, er hätte schon für seinen neuen Verein gespielt – wahrscheinlich auch von denselben “Experten”, die Marco Reus nach seinem Fehlschuss in Wolfsburg unterstellten, er hätte den nur wegen seines baldigen Engagements in Dortmund verschossen.
Damit also Borussia noch länger zuhause ungeschlagen bleibt als die bisherigen elf Monate, muss sich die Mannschaft im Kombinationsspiel unbedingt wieder finden. Jedenfalls hat die Truppe von Lucien Favre die schwierige Phase von drei Auswärtsspielen in Serie sehr gut gemeistert – die Ergebnisse von 3:0, 0:0 und 2:0 sprechen für sich. Kein einziges Gegentor, ein Spiel “dreckig” gewonnen.
Marco Reus’ Einsatz ist heute noch ein wenig unsicher – “Woody” muss mit Leistenproblemen erstmal zum Arzt. Aber wenn Marco Reus morgen nicht spielen kann, muss die BILD ihren “Gift-Gipfel” eben ohne den Stürmer austragen.
Ein Sieg gegen den FC Schalke kann die Mannschaft nur erreichen, wenn sie wieder ihren gefestigten, schnellen Offensivfußball spielt. Das, was zuletzt eben gegen Schalke so brillant geklappt hat (gegen die Bayern und Stuttgart war es eher ein rasanter, eiskalter Konterfußball). Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist sicherlich auch, dass die Mannschaft wieder zu Hause spielt. Dort, wo sie jeden Grashalm beim Vornamen kennt.