In der 21. Minute des Spiels der Borussia beim FC St. Pauli in der letzten Saison ereignete sich eine Szene, die die Gemüter erhitzte – allerdings nur auf Gladbacher Seite. Igor de Camargo hatte mit Paulis Matthias Lehmann Nasenspitze an Nasenspitze einen verbalen Disput, als der Hamburger wie von der Tarantel gestochen zu Boden sank. Vom Schiedsrichter wurde diese Szene als Kopfstoß-Tätlichkeit de Camargos gewertet, was die rote Karte für Borussias Offensivspieler zur Konsequenz hatte.
Igor de Camargo hatte etwa zehn Minuten zuvor das 1:0 für die Borussia erzielt, ein Ergebnis, das zu diesem Zeitpunkt noch Bestand hatte. Nach 70 Minuten in Unterzahl ging die Partie 1:3 verloren, Michael Frontzeck verlor endgültig seinen Job als Cheftrainer und Borussia stand mit 1,5 Beinen in der zweiten Liga. Das 3:1 für St. Pauli erzielte – na klar – Matthias Lehmann, der die Gladbacher Aufregung um den Platzverweis für de Camargo nicht nachvollziehen konnte: “Igor de Camargo hat mich berührt, natürlich habe ich das Geschenk angenommen”, freute er sich nach dem Schlusspfiff damals, um hämisch nachzulegen: “Ich wäre ja dumm, wenn ich das nicht machen würde. Soll ich etwa zum Schiedsrichter und bitten, dass er de Camargo nicht vom Platz stellt?” Auch die Rheinische Post zeigte damals Verständnis, oder, wie Roland Leroi es formulierte: “Für Fairplay gibt es keine Punkte.”
Der mediale Flächenbrand der Empörung blieb damals aus. Lediglich die Zeitung mit den vier großen Buchstaben bezeichnete den heutigen Frankfurter als Schauspieler, aber nach ein paar Tagen war die Sache abgehakt. Medial, wohlgemerkt. Als Gladbachfan musste man sich damals noch einige Zeit auslachen lassen, wie denn ein Gladbacher auf so eine Aktion auch noch reinfallen könnte.
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem St. Pauli-Spiel, das Borussia fast den Klassenerhalt gekostet hätte, schreibt Deutschlands Vorzeige-Boulevard zwar auch wieder von einer “miesen Schauspieleinlage”. Doch diesmal hat sich das Blatt Igor de Camargo als Sünder ausgeguckt, der aus Lehmanns Aktion im Februar 2011 anscheinend seine Lehren gezogen hatte.
Nach einer eigentlich harmlosen Situation in Herthas 16er in der 109. Minute war Borussias Stürmer schon wieder auf dem Weg zurück, als Roman Hubnik ihm noch ein paar Takte zu sagen hatte. Beide standen sich Nase an Nase gegenüber, Hubnik beugte sich ein paar Millimeter nach vorne und Igor de Camargo fiel hin wie vom Blitz getroffen. Sofort ertönte der Pfiff: Rote Karte wegen Kopfstoß-Tätlichkeit für den Berliner und Strafstoß für Borussia. Filip Daems verwandelt diesen sicher zum 1:0, in der Nachspielzeit der Verlängerung gelingt Oscar Wendt nach feiner Vorarbeit von Juan Arango das 2:0 für den VfL.
Nun wird der Elfmeter flächendeckend als spielentscheidende Szene gewertet – so weit, so gut. Parallel dazu wird Igor de Camargo allerdings als unsportlicher Buhmann hingestellt, teilweise auch von Bundesliga-Kollegen. Dortmunds Mats Hummels schrieb auf Facebook: “Man kann auch peinlich und beschämend in ein Pokalhalbfinale einziehen…”
Nach zig wütenden Kommentaren löschte er seinen Eintrag dann wieder.
Dabei war Borussia gegen Berlin keineswegs die von Schiedsrichter bevorzugte Mannschaft. Ganz im Gegenteil: ein elfmeterreifes Foul an Roel Brouwers wurde in der ersten Halbzeit übersehen. Und auch die Hertha, die vorrangig in Person ihres Trainers jetzt so über de Camargo jault, hat nicht nur tadellose Sportsmänner im Kader: als Pierre-Michel Lasogga einmal in Borussias Strafraum auftauchte, spürte er Hankes Atem in seinem Nacken und legte eine Bilderbuchschwalbe hin, nach der er vehement aus voller Überzeugung einen Strafstoß einforderte.
Abgesehen von diesen Aufregern bot das Viertelfinale allerdings auch keine erwärmende Fußballkost. Borussia war schlecht, Hertha noch schlechter, und es war schon nach wenigen Minuten abzusehen, dass dieses Spiel ein dreckiges und nur durch eines dieser sogenannten Schweinetore entschieden wird (oder wie Arnd Zeigler es nennt: Kack-Tor des Monats). Dass es dazu erst in der Verlängerung kam, beschwerte Borussias Fans 110 Minuten Stolperfußball bei sibirischen Temperaturen, die der Mannschaft irgendwie nicht bekommen. Denn zusammen mit dem auch nicht wirklich spaßigen 0:0 vom Samstag in Wolfsburg kann man beide Spiele mit etwas Humor als eine Art “Gefrierkombination” bezeichnen, bei der Borussias Kurzpassspiel seltsam einzufrieren scheint. So sehr die Mannschaft auch als “Borussia Barcelona” verehrt wird, so wenig scheint sie dafür mit Temperaturen klarzukommen, die nicht dem Niveau spanischer Küstenstädte entsprechen.
In der ersten Hälfte hatten die Berliner das Spiel eigentlich komplett im Griff, speziell Marco Reus fand überhaupt nicht statt. Aus dem defensiven Mittelfeld kamen nicht die gewohnten steilen Pässe, die Außen zeigten sich flügellahm, stattdessen gingen die Herthaner schnell auf den ballführenden Borussen und erzwangen so fast förmlich Fehlpässe. In den zweiten 45 Minuten wendete sich das Blatt ein wenig, allerdings strahlte keine der beiden Mannschaften wirkliche Torgefahr aus. Und dann kam eben die Verlängerung.
Fakt ist jedenfalls: Borussia steht im Halbfinale, gemeinsam mit Greuther Fürth, Bayern München und Borussia Dortmund.
Ob verdient oder unverdient, wird schon am Wochenende niemanden mehr interessieren, wenn die Bundesliga wieder weitergeht.
Und was machen wir jetzt mit Igor de Camargo?
Ich finde: Gar nichts.
Als Matthias Lehmann vor einem Jahr zu Boden fiel und das auch noch offen zugab, wurde er von vielen Teilen der Fußballlandschaft als “clever” und “abgebrüht” bezeichnet. Igor de Camargo war der Depp, weil er sich provozieren ließ.
Und jetzt?
Jetzt ist eben Igor de Camargo meiner Meinung nach clever und abgebrüht – und Roman Hubnik der Depp, der sich provozieren ließ.
Borussias Mannschaft musste man in den letzten Jahre immer wieder konstantieren: Eine Mannschaft voll bescheidener und gut erzogener Vorzeige-Schwiegersöhne, die alle supernett sind, aber mit “nett” gewinnst du keinen Blumentopf. Man brauche mal wieder eine “Drecksau” im Team, hieß es da dann immer wieder, und mit Igor de Camargo hat gestern ein Spieler Borussias mit einer solchen “Drecksau-Aktion” das Spiel gewonnen. Es ist eigentlich nur das passiert, was viele seit Jahren fordern: Mit einer grenzwertigen Aktion hat Borussia ein Spiel für sich entschieden.
Denn wie oft war es umgekehrt der Fall?
Wie oft ging man als Gladbacher aus dem Stadion nach Hause, in dem sicheren Bewusstsein, beschissen worden zu sein?
Wie oft wünschte man sich, dass die eigene Mannschaft mal genauso “abgezockt”, “abgebrüht” und “clever” ist?
Wenn Borussia auf einen Gegner getroffen ist, der überhart und unfair gespielt hat, dann passierte immer das, was zuletzt in Augsburg passiert ist: Man lässt sich den Schneid abkaufen und verliert (0:1).
Gestern nicht. Gestern hat eine, wenngleich äußerst unschöne, Aktion von Borussias Nummer 10 die enge Partie zu Gladbachs Gunsten entschieden. Es ist sieben Jahre her, da hatte übrigens Alemannia Aachen ausgerechnet im Halbfinale gegen Borussia eine ähnliche Idee: Beim Spielstand von 1:0 für die Printen flog kurz vor Schluss eine Flanke in den Aachener Sechzehner, die in Volleyballmanier von einem Abwehrspieler ins Aus befördert wurde. Der Elfmeterpfiff blieb aus, Borussia verlor das Spiel und über den “Beschiss” sprach in Fußballdeutschland niemand mehr.
Oh, halt: Ein klärendes Gespräch sollte Favre schon noch mit de Camargo fühern. Denn der Belgier hatte sich wegen einer Schwalbe schon eine gelbe Karte eingehandelt, und wegen zweier Schwalben mit gelb-roter Karte runterzufliegen, das braucht in Zukunft keiner.
In diesem Sinne:
Halbfinale, egal wie. Für Fairplay gibt es keine Punkte. Und hoffentlich entdeckt die Mannschaft am Samstag gegen Schalke wieder die Lust am Fußball.
Dem gibt es nichts hin zu zu fügen, mal wieder ein sehr guter Artikel .
sehr sehr sehr treffend… wenn ich diese heuchlerei höre, vorallem von einigen schalkefans, die deCamargo jetzt als den unfairsten spieler des universums verschimpfen, krieg ich das blanke kotzen…
Bis auf die Tatsache, dass die Gelbe Karte gegen IDC auch ein Witz war und die Berliner sich nach Ebert Ellenbogenchecks gegen Hanke beim Schiedsrichter bedanken konnten noch vollzählig zu sein.
Weiterhin wollte man ja ganz gezielt Dante, mehrfach, ebenfalls mit schauspielerischen Meisterleistung in die Kabine schicken.
Ansonsten 1900% “agree”…………..
In diesem Sinne:
Halbfinale, egal wie. Für Fairplay gibt es keine Punkte. Und hoffentlich entdeckt die Mannschaft am Samstag gegen Schalke wieder die Lust am Fußball.
Ich gebe Dir in allem Recht und finde es auch erschreckend, wie die Person de Camargo jetzt fertig gemacht wird. Ein kleines Detail möchte ich aber noch anmerken. Nicht der Kopf von Hubnik zuckte vor, sondern von Igor. Diese Kleinigkeit macht aus der Schwalbe natürlich noch mehr. Ich bin traurig, dass wir so ins Halbfinale eingezogen sind und wünschte, wir hätten einfach die stärkeren Nerven im Elfmeterschießen gezeigt, dann wäre heute Ruhe und wir könnten uns einfach auf das Halbfinale freuen.
Guter Artikel?
Da hat anscheinend niemand verstanden worums ging. Wie hätte dein Artikel ausgesehen wenns andersherum gewesen wäre?
Geht hier nicht darum was der schiri nicht gibt, sondern das De Camargo einfach unsportlich war. Denk mal drüber nach… lächerlich sorry
Jemand der sich Rooney nennt Missbilligt grob unsportliches Verhalten im Fußball?
Herzlich willkommen in der Welt der Doppelmoral aber typisch wenn man gleiches Verhalten mit zweierlei Maß misst!
@Rooney: wer lesen kann, ist klar im Vorteil: es IST schon andersrum passiert (Lehmann). Also hört mit der Heuchelei auf. Eberts Tätlichkeit, Lasoggas Provokationen und Schwalben… Feierabend.
Nett ist die kleine Schwester von Scheisse!!!!!!!!!!!!!!!!
Wenn einer so zum Gegenspieler rennt muss er damit rechnen.
Dummheit wird bestraft ….
Stimmt, war dumm von Hubnik anzunehmen es würden Gladbacher mit Anstand und Charakter aufm Platz rumlaufen!
IDC startet die Aktion und fällt dann vom Blitz getroffen um, asl hätte Hubnik IWAS gemacht. Lächerlich sowas auch noch schönzureden!
Das sollte man sich mehrmals anschauen! Also ich sehe einen anstürmenden Hubnik mit der Brust voraus. Dann geht Igor leicht mit dem Kopf runter (was ich vorher als Absicht gesehen hatte). Aber wenn er wirklich mit der Brust von Hubnik gerammt wird und wie auf einem Foto zu sehen ist, Hubnik gleichzeitig auf seinen Fuß tritt, dann ist verständlich, dass Igors Körper reagiert. Ob er dabei umfallen musste, darüber kann man sich streiten. Aber die Attacke ging für mich ganz klar von Hubnik aus.
Das sehe ich ganz genau so!
sehr treffend,
seit dem halbfinale in aachen ist gladbach nur beschissen und verpfiffen worden. das sage ich schon seit jahren und da redet nie jemand drüber. gerade das spiel gegen aachen hat gladbach mio gekostet. und nicht zu vergessen, das eric meyer das tor für aachen auch noch mit der hand gemacht hat und sich nach dem spiel hinstellt und sagt: “wenn es der schiri nicht pfeift?!?!” eine woche später gegen kaiserslautern macht olli neuville das 2:0 mit der hand und wird nachträglich gesperrt…… so zog sich das bis letztes jahr durch. nun wird gladbach mal nicht verpfiffen und man sieht wo die mannschaft steht. mit den gleichen spielern wie letztes jahr.
sagt das nicht schon alles?
Dummer Herthaner, glücklicher Borussen-Fan. Ach Gott, is dieser Spocht schön ^^ .. ich hab in 35 Jahren als Borussen-Kind schon oft genug die Hände über der Kopf zusammengeschlagen und den Schiri aufgrund von “Fehlentscheidungen” aufs übelste beschimpft. Kann aber auch sein, dass ich es manchmal einfach nur so gesehen hab wie ein Gladbacher weil ich die grüne Brille mal wieder auf der Nase hatte… Im Umkehrschluss habe ich am Mittwoch die Arme hochgerissen. Leute, geflunkert wird nicht nur beim Fußball. Anscheinend sind solche Dinge Diskutabeler als die Diätenerhöhung in durch Fingerzeig und das mal eben so in der Kaffeepause… Und nochmal Danke an Igor, ein Elfer-Ballern hätte ich nicht verkraftet! ^^
Ach man, da spielt die Hertha mal gut und dann sowas! Aber was soll es, das Leben geht weiter und vielleicht hat es auch was gutes für die alte Dame – jetzt kann sie sich auf den Klassenerhalt konzentrieren!
Der Schauspieler aus Gladbach hat es geschafft! Seine ganz spezielle “Fanseite” https://www.facebook.com/pages/Pass-aufsonst-l%C3%A4sst-sich-Igor-de-Camargo-auch-in-deinem-Strafraum-fallen/295737097153176
Ich wünsche Gladbach – irgendwann – den Abstieg in die 2. Liga!
http://www.thermenvz.de
Da suche ich mir jetzt Erholung
Bin gerade zufällig auf deinen Blog gestoßen und als Gladbach Fan werd ich ihn natürlich weiterhin verfolgen
Zum Thema: Jeder!!!!!!!! Spieler (auch ein Mats Hummels) hätte diese Einladung dankend angenommen.