Als Marco Reus in der 69. Minute frei vor Diego Benaglio auftauchte, hatte er zwei Optionen: Den Ball flach am Keeper vorbei ins kurze Eck schieben oder kurz querlegen auf den mitgesprinteten Mike Hanke, der dann das leere Tor vor sich hatte. Reus mischte beide Varianten durcheinander und produzierte einen viel zu hart geschossenen Ball in Hankes Laufweg, der gefühlt Richtung Eckfahne flog.
Da wusste eigentlich jeder Borusse: Das gibt heute nix mehr.
Und so ist auch am Tag danach immer noch eine latente Enttäuschung vorhanden. Drei Viertel der “Fantastischen Vier” haben am 20. Spieltag gepatzt, neben Borussia spielten auch Schalke (1:1 gegen Mainz) und die Bayern (1:1 in Hamburg) nur remis. Auf den Tabellenführer hat die Borussia jetzt 2 Punkte Rückstand, allerdings ist der Vorpsrung auf Platz 5 immerhin noch bei 8 Zählern dank des 2:2 der Bremer in Freiburg.
Dabei sieht die Welt auch nach dem 0:0 in Wolfsburg zahlenmäßig nicht schlechter aus als vorher, eher im Gegenteil: Seit sechs Jahren hat der VfL nicht mehr in der Autostadt punkten können, diese Negativserie ist gerissen. Die Abwehr bleibt nach wie vor mit 12 Gegentore die beste Defensive der Liga. Marc-Andre ter Stegen hat jetzt von 26 Bundesligaspielen 12 “zu null” gespielt, was laut OptaSport eine Quote von 46,2% darstellt und damit den Bestwert der Ligahistorie. Und: Das vor Saisonbeginn ausgerufene Ziel von 40 Punkten ist am 20. Spieltag bereits erreicht. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Bonus.
Für Enttäuschung sorgen denn auch weniger die statistischen Fakten als der Auftritt der Mannschaft. Speziell in der zweiten Hälfte hatte man als Gladbachfan das Gefühl, dass ein Führungstor für die Niedersachsen nur noch eine Frage der Zeit ist. Borussia dominierte in der ersten Hälfte klar das Geschehen, rannte aber immer wieder in die Abseitsfalle der Wolfsburger. Einmal nur zu Unrecht – ausgerechnet in dieser Szene erzielte Mike Hanke aber das eigentliche reguläre 0:1.
Sky-Fieldreporter Rollo Fuhrmann war das natürlich nicht entgangen, und so befragte er Marco Reus nach dem Spiel, warum man denn bitte so oft ins Abseits gelaufen sei. Der Stürmer antwortete ungläubig: “Haben Sie überhaupt gesehen, wie hoch die Wolfsburger Abwehr stand?”
Nach der Pause war der Mannschaft irgendwo eine Verunsicherung anzumerken, bloß nicht wieder ständig im Vorwärtsdrang zurückgepfiffen zu werden. Das Vertikalspiel nach vorne erstarrte geradezu, und Wolfsburg kam selbst immer besser ins Spiel. Während Magaths bunt zusammengewürfelte Truppe von Minute zu Minute immer mehr Selbstvertrauen tankte, wurde Borussia immer fahriger und unkonzentrierte – phasenweise kamen die Fohlen nicht einmal über die Mittellinie.
Dass es am Ende dann zu einem Punkt reichte, muss bei aller Enttäuschung als Erfolg gewertet werden. Noch in der Hinrunde gingen solche Spiele verloren, namentlich in Freiburg und Augsburg (jeweils 0:1). Und sowieso ist in dieser Phase der Saison alles eine Frage der Perspektive. “Ist das ein Rückschlag im Meisterkampf?”, wollte Investigativjournalist Fuhrmann nach dem Spiel von Lucien Favre wissen. “Sind Sie verrückt?”, gab dieser entrüstet zurück. „Ein 0:0 in Wolfsburg ist ein gutes Ergebnis. Mit dem Punkt kann ich gut leben“, sagte Favre.
Was Mike Hanke allerdings nicht davon abhielt, sich nach Schlusspfiff bei Fuhrmann nach dem Ergebnis des Schalke-Spiels zu erkundigen.
Es ist eben noch alles in beide Richtungen möglich.
Marco Reus wirkte nach seinem Blackout fast untröstlich. “Ich wollte den Ball mit dem Außenrist ins lange Eck setzen, doch irgendwie ist er mir abgerutscht. Dafür gibt es keine Entschuldigung”, sagte er. Schelte von Max Eberl wird es aber nicht geben: “Marco hat für uns schon so viele wichtige Treffer erzielt, so etwas kann immer mal passieren”, so der Sportdirektor.
Gott sei Dank hat die Mannschaft bereits am Mittwoch die Chance, wieder in spielerisch gewohnte Klasse zurückzufinden. Auch im Pokalspiel bei der Berliner Hertha wird es wettertechnisch in den Gefrierschrank gehen, aber die seit dem Babbel-Wechsel extrem angeschlagene Hauptstadt-Elf ist zur Zeit mehr mit sich selbst beschäftigt. Natürlich möchte auch Hertha BSC eine Runde weiterkommen, doch wer die letzten Liga-Auftritte der Elf verfolgt hat, weiß, dass es am Mittwoch einen ganz anderen Gegner zu schlagen gilt als den vom Samstag.
Gegen die personell ohnehin gebeutelten Berliner dürfte die Borussia es etwas einfacher haben, ihr Spiel aufzuziehen als gegen die griffige, aggressive und topfitte Wolfsburger Abwehr, zumal die aktuelle Lage bei Hertha die Aufstellung auch berechenbarer macht. Unter Michael Skibbe hat die Mannschaft aus der Hauptstadt bisher den Faden komplett verloren und leidet zudem unter dem Ausfall ihres Offensivstrategen Raffael: Ramos und Lasogga hängen meistens in der Luft, Lustenberger und Ebert sind spielerisch kein adäquater Ersatz für den Brasilianer.
Für einen Erfolg in Berlin muss Borussia unbedingt wieder konzentriert und sachlich zu Werke gehen. Die gerade in der zweiten Hälfte vom Samstag auffällig hohe Fehlpassquote sollte tunlichst vermieden werden, um den angeschlagenen Gegner Hertha BSC nicht unnötig aufzubauen. In jedem Fall gilt aber: Auch der aktuelle Status im DFB-Pokal ist schon mehr, als man sich vor der Saison erhofft hatte. Und solange die Borussia Negativrekorde stoppt und Positivrekorde aufstellt, ist es ein seltsam sicheres Gefühl, das man als Fan in ein Spiel mitnimmt.
Über das Remis von Wolfsburg ärgern sollte man sich nicht mehr. Denn aus den Top 6 der Tabelle hat nur Dortmund gewonnen – der Rest hat Unentschieden gespielt. Zumindest sind zusammen mit Borussia fast alle anderen im Kollektiv mit ausgerutscht.
Also volle Konzentration auf morgen!