Der heutige Alltag eines Bundesligamanagers gestaltet sich doppelt schwierig. Einerseits muss sich der moderne Sportdirektor mit den tatsächlichen Gegebenheiten des Geschäfts auseinandersetzen, andererseits wird er in der Kommunikation mit den Medien immer mit den Ansichten von Menschen konfrontiert, die in ebenjenes Fußballgeschäft keinen Einblick haben. Stattdessen hat sich im Laufe der letzten zehn Jahre, etwa mit dem Aufstreben des Internets, eine Art Fußballmanagement-Paralleluniversum etabliert, in dem jeder von allem eine Ahnung hat – egal, ob Fan oder Online-Journalist. Nahezu jeder glaubt als Teil der internetumspannenden Schwarmintelligenz, den Verantwortlichen eines Bundesligaklubs reinquatschen zu können. Ein Phänomen, das auch von Borussias Max Eberl nicht halt macht.
Doch das Problem beginnt schon bei der hauptberuflich schreibenden Zunft.
Der mittlerweile schon sattsam bekannte Spiegel-Artikel “Trümmer eines Traums” zitiert Lucien Favre mit der Aussage “Eine Mannschaft muss richtig zusammengestellt sein”, die er angeblich gegenüber dem Spiegel geäußert habe.
Nur wann? Während des Trainingslagers in Belek wohl kaum. Also machten sich findige Borussen auf die Internetsuche und fanden heraus, dass Favre dieses Statement tatsächlich gegenüber dem Spiegel sagte – allerdings schon am 30.03.2009 in einem Gespräch mit Christoph Biermann. Um die aktuelle Panik unter Gladbachs Fans weiter aufzuheizen, war sich der Spiegel also nicht mal zu schade, ein drei Jahres altes Zitat aus dem Zusammenhang zu reißen, das Favre auch noch als Trainer einer ganz anderen Mannschaft tätigte.
Dieses kleine Beispiel zeigt, wie fast schon manipulativ in manchen Presseorganen gearbeitet wird, um bestimmte Stimmungen bei der breiten Masse zu befeuern. Viele Menschen vertrauen den journalistischen Medien, die sie zur Information nutzen. Und gerade in Zeiten des Internets spart man sich als Leser das Nachfragen, Überprüfen und Anzweifeln gewisser Aussagen. Denn wenn der Spiegel von einem Traum im Trümmern schreibt, steht es Stunden später im RTL-Teletext und danach auf zig anderen Online-Seiten. Und steter Tropfen höhlt den Stein.
Mittlerweile ist es aber auch der Fall, dass eine Behauptung noch nicht einmal aus der Feder eines Journalisten stammen muss. Der Transfer von Alexander Ring ist so ein Beispiel dafür, dass nahezu jeder heutzutage Fakten “erfinden” kann. Nachdem die Verpflichtung des finnischen Nationalspielers nur noch Formsache war, stöberte ein User auf der Facebook-Seite von HJK Helsinki herum und versuchte, die natürlich finnischen Kommentare zu entschlüsseln. Der User kam zu dem Ergebnis, dass Borussia eine Kaufoption in Höhe von 4 Millionen Euro für den Spieler besitzt. Ohne selbst über Finnischkenntnisse zu verfügen. So zog schnell seine Kreise, dass Ring 2013 4 Millionen Euro kostet.
Aber nicht nur die mangelnde Glaubwürdigkeit der Medien macht das Leben eines Bundesliga-Sportdirektors schwierig.
Wir leben mehr denn je in einer Zeit, in der Deutschland aus gefühlten 81 Millionen Bundesliga-Managern besteht. Diese Entwicklung ist einerseits modernen Unterhaltungsmedien geschuldet, bei denen man den Alltag eines Sportdirektors zumindest ansatzweise nachvollziehen kann. Ob jetzt FIFA, Fußball Manager oder diverse Online-Spiele: Überall hat der moderne Fußballfan Gelegenheit, mit ein paar virtuellen Euros seine persönliche Traumtruppe zusammenzukaufen. Andererseits ist auch eine Homepage des Springer-Konzerns nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung. Denn die dort ermittelten Marktwerte eines Spielers werden viel zu oft viel zu plump 1:1 als potentielle Ablöse übernommen, vorzugsweise von der großen Schwester.
Wie aber kommt man dort zu der Erkenntnis, dass ein Marc-André ter Stegen auf dem freien Markt einen Wert von 5,5 Millionen Euro hat?
Dafür gibt es die sogenannte “Marktwertanalyse”. Da diskutieren nicht etwa Fachleute aus der Branche, sondern einfach nur frei angemeldete Fans aus allen verschiedenen Lagern (und davon gibt es bei der Seite mehrere hunderttausend). Wer möchte, gibt seinen Kommentar zum Spieler ab und welchen Wert dieser Spieler seiner Meinung nach hat. Das sieht dann so aus. Woher diese Menschen ihre Meinung haben, ob die Beträge alle nur geraten sind oder auf exzessivem FIFA- bzw. Fußball Manager-Gezocke beruhen, bleibt ihm Dunklen. Aktuell scheint sich die dortige Mehrheit auf 8 Millionen Euro zu einigen.
Böse formuliert äußern also hunderttausende Menschen ihre Meinung über etwas, von dem sie fachlich eigentlich keine Ahnung haben. Denn bei einer tatsächlichen Ablöseverhandlung war wohl noch keiner der Beteiligten anwesend. Da hinter dem ganzen Brimborium aber einflussreiche Menschen stehen, gelten die so in einer Art Volksabstimmung festgelegten Werte dann “draußen” schnell als Ablöse-Richtlinie. Zwar ist man bei transfermarkt.de offiziell darauf bedacht, zwischen “Marktwert” und “Transferwert” zu unterscheiden. Doch in der Praxis ist dieser Unterschied längst nicht mehr existent.
Betrachtet man vor diesem Hintergrund den Transfer von Marco Reus zum BV Lüdenscheid-Nord, so wird schnell klar, warum seit einiger Zeit Nationalspieler ohne Ende als Neuzugang gehandelt werden. Denn in Borussias Kassen spült der Deal eine Ablöse von 17,5 Millionen Euro. Und dank heute üblicher “Marktwertanalysen” weiß man ja heute auch, was man für sein Geld so alles kriegen kann.
Ein Xherdan Shaqiri kommt ja nur auf 12,5 Millionen Euro Marktwert, da bleiben ja sogar noch 5 Millionen übrig. Wieder andere rechnen bewusst “konservativ und vorsichtig” und verplanen nur 20 Millionen Euro für Neuzugänge im Sommer: Raffael für 6 Millionen (gemäß Marktwert) beispielsweise. Wer darf es sonst noch sein? Vielleicht doch nur einer für 5 Millionen? Oder lieber einen aktuellen Nationalspieler, der momentan sowieso in seinem Verein unzufrieden ist? Der kostet doch auch weniger als die 17,5 Millionen, die Reus bringt.
Hier kommen wir an einem Punkt, an dem sich die Welt des Fans verselbständigt und erheblich von der Realität abdriftet. Inmitten des Multi-Millionen-Ablösesummen-Getöses haben schon Fachleute genug damit zu tun, den Überblick zu behalten. Ein einfacher Fan verliert da schnell den Überblick, weil er sich ja auch auf Informationsquellen verlassen muss, die selbst oftmals nur mangels Fachkompetenz im Nebel stochern. Da ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Max Eberl (um den Bogen zur Überschrift zu schlagen) in seinen Interviews der letzten Woche die sehr verzerrte Perspektive kritisiert, die größtenteils vom Bundesliga-Alltagsgeschäft vorherrscht.
Eine seiner wichtigsten Aussagen ging nämlich fast unter: “Transfers im Fußball funktionieren aber nun mal nicht wie beim “FIFA 12″ am Computer.”
Wenig später wurde er noch konkreter: “17 Millionen im Portemonnaie sind auch kein Selbstläufer. Im wirklichen Leben haben wir es mit Menschen zu tun.”
Und auch seine eigene Meinung zur Schwarmkompetenz im Internet stellte er im gleichen Interview dar: “Hätten wir im letzten Jahr alles an uns herangelassen, was bei Facebook und in Internet-Foren geschrieben wurde, dann wären wir jetzt nicht mehr hier.”
Max Eberl hat also nicht nur damit zu tun, sein Tagesgeschäft kompetent abzuwickeln. Er wird tagtäglich mir den absurden Erwartungen, Einschätzungen und Meinungen eines Paralleluniversums konfrontiert, das seine eigene Realität von der Bundesliga erschaffen hat. Bedauerlicherweise driftet diese Wirklichkeit erheblich von der tatsächlichen Realität ab. Als einfacher Fan hat man es schwer, Sinn von Unsinn zu trennen. Aber egal, ob sonntägliche Säuferrunde oder 30minütige Sportnachrichten in 24 Stunden Dauerschleife: Von allen Seiten wird man mit Vermutungen, Thesen und Halbwahrheiten zugeschossen, die irgendwann solange wiederholt worden sind, bis man anfängt, sie zu glauben.
So mancher hat sich allerdings in der Parallelwelt ganz verloren. Man kann wirklich nur hoffen, dass Borussia gegen die Bayern am Freitag nicht verliert – das Echo der durch die Medien geschulten Fans wäre wahrscheinlich vernichtend.
Das Beste, was seit Wochen über Borussia geschrieben wurde! Man kann diesenj Artikel nicht oft genug kopieren und in den entsprechenden Foren eintragen.
Exzellent! Sonderlob für diese fundierte Analyse. Sollte in jedem Forum als Pflichtlektüre vorgeschaltet werden.
Finde den ersten Teil sehr gut recherchiert, der legt einige Fakten dar, die mir persönlich z. B. vorher nicht bekannt waren (Favre-Zitat, Ring-Ablöse). Man sollte aber nicht vergessen, dass auch diese Infos der im zweiten Teil des Textes kritisierten umtriebigen Schwarmintelligenz im www zu verdanken sind, im Positiven (Favre) wie im Negativen (Ring). Und Berichte wie dieser können die Mißstände dann auch offen legen. Jeder mündige Fussballfan im Netz kann sich da informieren, wo er will.
Im zweiten Teil werden die vielen fussballinteressierten Fans, die die ganzen Informationen oder Gerüchte zusammentragen und diskutieren, dann aber doch heftig als ahnungslose Laien diskreditiert. Schließlich geht es bei Wechselgerüchten um Wahrscheinlichkeiten (und wie gesagt, es handelt sich um Gerüchte). Hinzu kommt, dass viele Informationen oft sehr genau zutreffen, die die Spatzen im Netz von den Dächern pfeifen. Dass das die Arbeit von Max Eberl nicht einfacher macht, ist bedauerlich, aber nicht zu ändern.
Versuche, den Gescholtenen wie hier im Text geschehen, auf solche Weise den Mund zu verbieten, sollte man aber besser unterlassen. Es zeugt davon, wesentliche Mechanismen im Netz nicht verstanden zu haben, und diese wird auch Max Eberl berücksichtigen (müssen).
Außerdem kommt die gesteigerte Aufmerksamkeit im Netz dem Business auch wieder zählbar zugute.
Ps.: Ich schreibe nicht in den angesprochenen Foren, schaue aber gern mal rein.
Dein hervorragender Blogartikel widerlegt eigentlich Deine These der Schwarmintelligenz bzw. der Social Media
Aber im Ernst: Vielen Dank für diesen kritischen Text mit vielen guten Denkanstössen.
Zur Marktwerktanalyse bei Transfermarkt.de finde ich jedoch, dass dort in der Regel sachliche und sinnvolle Debatten geführt werden und der Marktwerkt immerhin einen Annäherungswert darstellt. Interessant jedoch, dass ein Alexander Ring dort vor seinem Wechselgerücht einen MW von rund 70.000 Euro hatte – Regionalligaiveau – und das als junger finnischer A-Nationalspieler.
Bei Transfermarkt.de ist nicht ganz unwichtig, dass sie sich in Springer-Besitz befindet und deren Zeitungen nahezu täglich auf Transferdiskussionen und Marktwerte eingehen, die ihnen hundertausende User kostenlos und bereitwillig zuliefern.
Borusse aus dem Erzgebirge
Der Kommentar bezieht sich voll auf die Wirklichkeit in diesen Geschäft
Bundesliga. Die täglichen Pressemiteilungen und die damit versuchte
Unruhe in so einer erfolgreichen Borussia 2011 zu bringen spottet jeder Beschreibung. Ich hoffe das alle Vereinsmitglieder und Fans sich davon
nicht beeinflussen lassen von diesen Geschreibe in den Skandalblättern
Seit langen habe ich wieder einen sehr opjektiven Beitrag von Ihrer Seite
gelesen. Macht weider so
Ich finde Deine Kritik richtig und nachvollziehbar, jedoch muss auch berücksichtigt werden, dass es bei einem Großteil der Vereine (leider) ähnlich oder gar schlimmer zugeht. Insofern sicher kein Alleinstellungsmerkmal unserer Borussia, sondern eher ein gesellschaftspolitisches Problem.
Nichtsdestotrotz sehr engagiert recherchiert und formuliert.
Gerne mehr.
Man könnte fast meinen, dass der kleine Maxle hier unter einem synonym schreibt (so wich ich). Lächerlich!
großartiger text zu borussia, medien, gerüchten etc.
Dortmund lacht, Gladbach weint!
Wie steht es so schön ganz oben auf dieser Seite: “Nicht noch ein Gladbach-Blog! Da gibt’s doch eh schon zuviele von!” – Das ist falsch! Es gibt viel zu wenige mit Beiträgen dieser Qualität. Bitte mehr!
Super Beitag. Vielleicht wird dem Ein- oder Anderen nach lesen dieses Textes bewusst dass das “Geschäft” Fussball nicht so einfach funktioniert wie es bei diversen Spielen der Fall ist.
Ich hoffe auch so mancher Journalist schneidet sich ein Scheibchen davon ab.
Und so mancher User bei TM und in anderen Foren wird nach lesen dieses Artikels die Arbeit von Max Eberl etwas realistischer einschätzen können.
Ich finde es auch einen sehr guten Beitrag! Was gerade in den Medien abgeht ist unbeschreiblich und ich finde zu viele Fans springen dann leider auf den Zug auf.
Wenn man sich nur anschaut, welche Diskussionen z.B. unter RP-Online abgehen fasst man sich grösstenteils nur noch an den Kopf. Spekulationen werden von allen Seiten als Faktenwissen verkauft und damit werden dann krude Diskussionsstränge aufgebaut! Wenn die Prämisse nicht stimmt, dann helfen auch darauf aufbauende logische Betrachtungen nicht weiter.
@ FritzWalter: Genau solch unqualifizierten Kommentare: “Lächerlich” braucht auch kein Mensch! Da lobe ich mir doch eher Schnubbeldiekatz, dessen Einwendungen ich nachvollziehen kann. Spekulationen gehören halt auch zum Fantum dazu. Aber doch bitte nicht mit einem Wissensanspruch und Oberlehrerhaftigkeit vorgetragen (und das kritisiert der Autor wohl), der dem Fanwissen nicht entsprechen kann. Da sind Insider (wie Manager und Trainer) und Medien – den Fans noch Lichtjahre voraus.