Die aktuelle Winterpause der Borussia hat hohen Unterhaltungswert. Wie gestern schon beschrieben, übertrafen (und übertreffen) sich die gängigen On- und Offline-Medien nicht nur in ihrer Präzision, was die ständigen Spekulationen über Abgänge bei der Borussia angeht – nein, jetzt sind sie fast alle dabei, sich auch in den Spekulationen um Zugänge bei der Borussia ihrer journalistischen Glaubwürdigkeit zu berauben.
Denn: Zu den Pflichten eines Journalisten gehört bei einer Geschichte zumindest eine saubere Recherche.
Womit wir auch schon beim Kernproblem der Sache wären. Moderner Onlinejournalismus funktioniert gerade im Sportbereich so: Einer schreibt was, alle schreiben es ab. Natürlich, ohne das zu hinterfragen. Lieber dichtet man noch etwas dazu. Als der Spiegel-Artikel veröffentlicht wurde, konnte man den ganzen restlichen Tag im RTL-Videotext lesen: “Gladbach vor Kollaps – Babbel Plan B”. Peinlich? Wartet es ab, es kommt noch besser.
Genauso funktioniert das System natürlich auch, wenn es darum geht, zu spekulieren, in welchen Neuzugang Borussia die Reus-Ablöse investieren könnte. Als bekannt wurde, dass der VfL satte 17,5 Mio. Euro für die Dienste seines Stürmers erhält, flippten zunächst einige Fans aus und dichteten der Borussia die abenteuerlichsten Transfers an. Der eine freute sich auf Kaliber wie Daniel Sturridge, Diego, Granero und Ibrahim Afellay, ein anderer auf Kevin de Bruyne. Zwischen all den Nationalspielern wie Ricky van Wolfswinkel tauchten dann irgendwann, irgendwo auch Namen wie Shaqiri auf. Und ein Patrick Helmes wäre nach Ansicht eines Kollegen ein ohnehin überfälliger Transfer. Was macht man als Online-Sportredakteur?
Richtig. Man sammelt den ganzen Humbug und strickt da einen äußerst fundierten Artikel draus. Abdellaoue, Ya Konan, Lakic oder Pizarro? Oder doch Marin? Die Spirale war in Gang gesetzt. In der Folgezeit versuchte sich auch das K*lner Qualitätsblatt am lustigen Ratespiel und brachte endlich auch Shaqiri und Xhaka ins Spiel – nur, um kurze Zeit später dankbar das Thema Petric aufzugreifen.
Man hat das Gefühl, dass in der aktuellen Berichterstattung über etwaige Sommerzugänge bei Borussia der Großteil der schreibenden Zunft jedes Maß verloren hat. Vielmehr wird versucht, mit immer weiteren und größeren Namen und Marktwerten sich gegenseitig zu übertrumpfen. Damit erweisen die Medien Borussia einen Bärendienst, denn die Fans, die ihrerseits unrealistische Namen fordern, werden von solchen Presseartikeln nur weiter aufgeheizt – und ihre Erwartungshaltung auch. Wenn Max Eberl dann im Sommer keinen dieser international begehrten Nationalspieler holt, sondern bei seinem bewährten Beuteschema bleibt, ist Eberl wieder der Dumme, der von den Enttäuschten angefeindet wird.
Oder man prügelt verbal auf einen Stephan Schippers ein, der dann “mit dem Geld knausert”. In vielen Foren werden jetzt schon vorab schon mal die Messer gewetzt, um bei Gelegenheit losschlagen zu können.
Denn um Leute wie Xherdan Shaqiri (FC Barcelona, Manchester United) und Granit Xhaka (Hamburger SV, ebenfalls Manchester United) wetteifern Klubs aus der Weltspitze – ein Mladen Petric wird, wenn er im Sommer seine Zelte abbricht, sicherlich nur für ein mehr als üppiges Handgeld und ein richtig, richtig dickes Jahresgehalt wechseln, vielleicht zum FC Sevilla. Der Kroate steht vor seinem letzten großen Vertrag, wie man so schön sagt. Und Patrick Helmes? Bei Magath darf er nur noch den Mittellandkanal hoch- und runterlaufen, trotzdem würde er Ablöse kosten. Und die 4,5 Mio Euro Jahresgehalt würde er in Gladbach bestenfalls zur Hälfte kriegen. Ist es da noch sinnvoll, einen so defensivschwachen Stürmer wie Helmes zu verpflichten, der die halbe Zeit in der Box auf einen Abstauber wartet und trotz Halbierung seines bisherigen Gehaltes immer noch zu den Spitzenverdienern zählen würde? Zumindest Petric und Helmes passen überhaupt nicht in die Philosophie eines Max Eberl und Lucien Favre.
In das Raster der beiden passen eher unauffälligere Namen. Wie in Christopher Quiring von Union Berlin, an dem man im Sommer interessiert war, der dann aber doch bis 2015 verlängerte. Wie ein Christopher Nöthe von Greuther Fürth, der ebenfalls im Sommer auf dem Zettel stand. Gekommen sind damals unter anderem Yuki Otsu und Matthew Leckie – junge, talentierte Spieler, die beide ein Perspektive im Klub besitzen. Und manchmal geht es eben ganz schnell. Warum soll ein Patrick Herrmann nicht Marco Reus beerben? Warum soll Matthew Leckie sich nicht in den nächsten Wochen und Monaten so fußballerisch entwickeln, dass er mit seiner ohnehin vorhandenen Grundschnelligkeit der nächste Klassestürmer wird?
Zuviel unbekanntes Potential schlummert noch in Borussias Kader, und es ist geradezu absurd von den Medien, irgendwelche Rechnungen aufzustellen, unter deren Strich man an der Hennes-Weisweiler-Allee am Saisonenede 25-30 Mio. Euro in fremde Spieler investiert.
Komplett meschugge wird es aber dann, wenn man die “Berichterstattung” über die Zugänge mit denen über die Abgänge kombiniert. Nehmen wir mal an, die in den Gerüchten gehandelten Spieler haben alle nichts besseres zu tun und unterschreiben in Gladbach, sämtliche anderen Angebote ignorierend. Dann kommen Xhaka, Shaqiri, Petric, Helmes. Und sonst?
Wer ist dann überhaupt noch da?
Favre nicht mehr, glaubt man den Medien. Markus Babbel trainiert dann eine Mannschaft, die kaum aus elf Spielern besteht – wenn man die aktuelle Weltuntergangsstimmung ernst nimmt, ist Dante sowieso schon weg, dies hätte dann eine ganz fiese Kettenreaktion mit ter Stegen, de Camargo, Herrmann und Wendt (der sowieso unzufrieden ist, wie man uns aus der Domstadt suggerieren will) zur Folge…
Oder bleiben dann doch alle – weil Eberls Einkäufe eine Signalwirkung hätten?
Die hätte die Verpflichtung der ganzen gehandelten Spieler bestenfalls auf Borussias Konto. Das wäre nämlich leer. Es ist noch gar nicht so lange her, da hat ein niederländischer Trainer namens Dick Advocaat in genauso einer Hauruck-Aktion versucht, massenhaft Klasse einzukaufen – und ist grandios gescheitert. Borussia blieb damals sitzen auf Wesley Sonck und Freunden. Aus dieser Zeit hat man in Gladbach gelernt.
Das Schlimme an der aktuellen Berichterstattung ist nur, dass die Online-Redaktionen nicht einmal mehr merken, wie sehr sie ihre sensationslüsterne Schwarzmalerei auf der einen Seite mit ihren himmelhoch jauchzenden Neuzugangs-Spekulationen auf der anderen Seite selbst demontieren.
Geradezu niedlich wirkt da übrigens die ARD. Die haben sich bei der Bekanntgabe des Wechsels von Roman Neustädter zum FC Schalke wahrscheinlich von den Verballhornungen der Fans anstecken lassen, die der defensive Mittelfeldmann zur Zeit in den Foren ertragen muss (“Groschen-Roman“). Anders ist es nicht zu erklären, wer denn bitte Herr Raststätter sein soll.
schöner artikel, den du da gescgrieben hast.
jedoch ist eberl gezwungen nächste transferperiode größere kaliber an den niederrhein zu lotsen. natürlich sind namen wie shaqiri und de bruyne unrealistisch, dennoch kann man einen abgang von marco reus nicht ausschließlich mit talenten (aus der zweiten liga?) auffangen. deshalb behaupte ich mal ganz frech: die nächsten transfers werden sich, stark in ablöse, reputation und ambitionen, von der letzten sommer-transferphase unterschieden.
Aus der Seele gesprochen. Es mutet mitunter kapriziös an, wie selbst vermeintlich “bessere” online-Medien Sachverhalte recherchieren und dann Stories konstruieren, die dem jeweiligen Schreiberling eigentlich schon beim Verfassen weh tun müssten. Noch bedenklicher ist es aber, wenn dadurch ein Schneeball ins Rollen (nein, ins Preschen) gebracht wird, der zwar qualitätsmäßig nicht zur Lawine mutiert, aber dennoch ein komplettes mediales Skigebiet in Windeseile bedenkt. Konsequenz für den kritischen Fan: Er versieht sich überfallartig mitleidiger Anteilnahme an seinem Klub und in der Bredouille, wie ein Pressesprecher alles ins rechte Licht rücken zu müssen. Nur um dennoch ausgelacht und als realitätsfremd abgestempelt zu werden, weil so viele “Medien” ja nicht irren können.
Mal ein sehr wohltuender und gut zu lesender Artikel inmitten des ganzes Mists, der in diesen Tagen geschrieben wird.
Und generell: Schön, dass du jetzt wieder regelmäßiger in die Tasten haust! Muss ja auch, wenn Einslive dich schon dazu auffordert;)
Endlich einmal ein guter artikel. Die ganze Hysterie von einige Fans, einen sog. transferknaller tätigen zu müssen ( ! ) nervt mich gewaltig. ich hoffe nur, dass sich die Verantwortlichen nicht hetzten lassen. Ansonsten ist das Geld weg und möglicherweise schlägt der Neueinkauf nicht ein. Zur Not ist es besser auf die vorhandenen spieler zu setzen und vielleicht irgendwann zuzuschlagen
Favre sollte sich allerdings klar zu seiner Zukunft äußern. Hierdurch würde einigen Medien der berühmte Wind aus den segeln genommen werden.
Ich stimme zu 99 % zu. Allerdings wird Eberl nicht drum herum kommen zumindest einen Spieler zu holen der als “Kracher” gilt. Nur dann kann er die herbei geredete Untergangsstimmung kippen und Spielern wie Dante, Arango, Ter Stegen zeigen, das man den berühmten “nächsten Schritt” auch in Gladbach machen kann. Ob es Sinn macht oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.
Klasse Artikel, was das erweiterte Stadionheft der Bayern mit den vier Buchstaben da erfindet, schreiben andere lustig nach.
Wenn man das so liest, ist Gladbach schlechter dran als vor 12 Monaten und wird 2013 definitiv in Liga 2 spielen, da wir auseinanderbrechen und eh alles unprofessionell ist, manchmal glaube ich, da sitzen Bazis und BVB´s an den Tasten, anders kann ich mir solch einen Blödsinn nicht erklären
Liebe Bild und sonstige Konsorten.
Welcher Verein neben Borussia ist in Deutschland zu 100% Herr im eigenen Haus?
Wer lockt trotz jahrelanger Tristesse immer noch über 50000 in sein Stadion und bringt 6 -8000 auswärts mit..
Laut Creditreform ist Gladbach einer der wirtschaftlich gesündesten Vereine in Deutschland, jetzt ist der sportliche Erfolg da und ein Reus geht, das allein genügt uns jetzt schon für tod zu erklären und schon vom einmaligem Wunder zu sprechen.
Euer Weltklasseverein aus Lüdenscheid war in den letzten 10 Jahren fast Pleite und einmal in der CL, besser blamieren in Europa können wir Gladbacher den deutschen Fußball auch nicht.
.Aber man muß in BRD immer wieder vorgaukeln, daß nur der FCB und als Alternative die Schuldenbuckels aus dem Pott, die wahren sind und es eine Frechheit ist wenn das triste Gladbach da mit mischen will, dann serviert man halt ein paar Märchen um Unruhe zu stiften.
Ohne Marco wird es auch weitergehen, vielleicht sogar noch besser ?!
Gute Nacht